Hülle und Fülle

Mit seinen Auto-Bildern feierte der Maler Werner Ritter in den 1970er-Jahren erste Erfolge. Doch ein Autofan ist er nicht. Ihn faszinieren glatte Oberflächen, wie die der glänzenden Autos im Stadtraum und - gleichermassen - zerknitterte Karosserien auf Autofriedhöfen: «Auf der Suche nach Ersatzteilen für mein Gefährt, kam ich mit vielen Autofriedhöfen in Berührung. Da waren ja die Formen, die ich immer wollte!»

Als Hüllen umfassen die Autobleche ein leeres Innen und wurden durch Umformungen von der zweiten in die dritte Dimension überführt. In ihrer Versehrtheit nimmt die Komplexität der Strukturen zu. Seit Jahrzehnten stellt sich der Maler Werner Ritter der Herausforderung, diese mit Ölfarbe auf die flache Leinwand zu bringen - es entstehen gefüllte Flächen mit reliefartigen Puzzlesteinen.

Neben dem Blech tauchen bald Stoffe, Karton, Papier, Plastik oder Folien in den Werken auf. Alltagsdinge, in einem Zustand zwischen Gebrauchtwerden und Verbraucht-sein, werden in ihrer matten und reflektierenden, weichen oder formbeständigen Materialität in Malerei-Collagen, ausschnittweise und überbelichtet scheinend, oft bläulich schimmernd in Grossaufnahmen auf die Leinwand gebracht.

Die Beschreibung der Gemälde von Werner Ritter anhand eines fotografischen Vokabulars liegt nahe, denn seine Bildmotive wählt er aus gefundenen und selbstgemachten Fotografien aus. Er schneidet interessante Elemente heraus und fügt diese zu neuen Bildern zusammen. Bildwürdig erscheinen ihm dabei Strukturen und Faltenwürfe, die durch Lichteinfall oder Komposition ins Abstrakte tendieren. Der Grad der Abstraktion wird dann in der Malerei noch weiter verstärkt.

Text: Françoise Theis, 2014.
 

Zur Malerei

Malen, gerade wenn es um Gegenständlichkeit geht, ist – so scheint es – zunächst eine Auseinandersetzung mit der Welt. Werner Ritter malt, nebst anderem, Papier, zerknüllt, gehäuft, Blech, gefaltet, zerknautscht, oder Stoff, drapiert, geworfen. Die Kondition des Gegenstandes verschwindet bei näherem (und eventuell sogar längerem) Hinschauen aber zunehmend.

Das Bedauern über das dahingegangene Fahrzeug, die Überraschung, die dem Erkennen des Altpapier- oder Abfallberges und seiner Schönheit folgt, der ästhetische Gegensatz, den die glänzenden Automobile ausspielen, all dies ist nur das retinale Kratzen an der Oberfläche der Erkenntnis. Denn eigentlich geht es bei diesen Bildern (natürlich) weder um Autos noch um Plastik, Papier oder Kleidung, sondern um das Bild, um die Malerei als solche.

In unserer Bild-Zeit, in der so viele Bilder produziert werden, dass dem einen in der Regel gar keine Bedeutung mehr inne sein kann, ist ein sorgfältig gemalter Faltenwurf, egal welchen Materials und jeglicher Provenienz, eine Erscheinung, die den Betrachter und die Betrachterin zum Schauen bringt und dazu, dem Bild das ruhige Sehen zu schenken, dass es fordert. Es ist dies die Leistung der Bilder und ihres Schöpfers: diese Sicherheit, dass ein Bild für sich steht und dass es seinem Gegenüber einen Rhythmus auferlegen kann, der in der gemalten Fläche liegt, und der kein schnelles Wegblicken zulässt. Das Bild schafft sich den Raum und die Zeit, die es braucht, um sich zu gegenwärtigen.

So wird Werner Ritters Malerei, über die Auseinandersetzung mit der Welt hinaus, zu ihrer eigentlichen Definition und Neuerschaffung.

Text: Andres Pardey, 2014
 

Bewegung ist das Geheimnis

Das, was man in der Musik Engführung nennt: Erst breit und vielgestaltig, dann wird der Darstellungsbereich schmaler und enger, aber auch tiefer, farbiger, sogar bunter (wenn das nicht ein Schimpfwort wäre), reicher, überraschender. Engführung. Ungefähr das muss man sich bei Ritter denken. Beweglich, mit offenen Ohren und offenen Augen. Neugierig auf Grafik, Zeichnung, Fotografie, Malerei. Schnell und, ja, selbstbewusst.

Spielerisch und heiter, aber mit scharfen Augen. Lange Finger, grosse Hände, feinfühlig und konzentriert. Heute lacht er über sich selber. Wie gut kennt er sich? 1966 entdeckte er das Auto. Egal ob neu oder Abbruch, frisch gespritzt oder stumpf, Glanzlack oder Chrom, glattes, gestanztes, zerknautschtes, verrostetes Blech. Überall Charme, Schönheit, Überraschung. Der Maler an Unfallstellen, in Werkstätten, auf Autofriedhöfen. Bilder blühen aus gestapeltem Schrott. Gerümpel oder glattgeleckt, das Detail erhebt Rechtsanspruch, es nimmt gefangen. So lernte es Werner Ritter bei Konrad Witz (1440), am Faltenreichtum der Gewänder bei Katharina und Magdalena, auf Fusshöhe.

Schon Mitte der 50er-Jahre Einzelausstellungen in der Schweiz. 1971, mit dabei im Aargauer Kunsthaus bei «Les Suisses de Paris». Einzelausstellung mit Ankäufen 1984 im Kunstmuseum Thun: «Werner Ritter. Epoche 1970–1983». Und viele Gruppenausstellungen, besonders in Paris: Mehrmals im Grand Palais bei «Grands et Jeunes d‘aujourd‘hui» und «Salon de la Figuration Critique». In Basel zuletzt: 2007 in «1967 - eine Recherche», Ausstellungsraum Klingental, und 2011 in «Fetisch Auto. Ich fahre, also bin ich», Museum Tinguely. Und nun 2014 - 60 Jahre nach seiner ersten Einzelausstellung - im Projektraum M54, visarte region basel: «Draperies».

Text: Reinhard Stumm, 2014